Fallstudie | Verkauf und Verlagerung einer Ölraffinerie 7 Min. Lesezeit

Stilllegung als Chance: Verkauf und Verlagerung einer europäischen Ölraffinerie

PRIOS hat die geplante Stilllegung einer Ölraffinerie in ein wirtschaftlich erfolgreiches Projekt für Verkauf und Verlagerung einer Industrieanlage verwandelt. Statt die Raffinerie abzureißen und lediglich ihren Schrottwert zu realisieren, haben wir das Wiederverwendungspotenzial bewertet, das Verlagerungskonzept entwickelt, einen Käufer in Übersee gefunden und das Projekt bis zur Demontage und Versandvorbereitung begleitet.

Angesichts veränderter Marktbedingungen und langfristig sinkender Erwartungen an den Verbrauch fossiler Brennstoffe beschloss ein großer europäischer Industriekonzern, ausgewählte Raffineriekapazitäten stillzulegen. Unabhängige Marktprognosen zeichneten für konventionelle Kraftstoffprodukte einen zunehmend schwierigen Ausblick. Der Konzern entschied daher, eine seiner großen Ölraffinerien zu schließen und den Standort zu einem Logistik- und Produktlager-Drehkreuz umzubauen.

Die Entscheidung erforderte umfangreiche und kostspielige Maßnahmen, darunter die Stilllegung der Raffinerie, die Sanierung des Geländes und den Rückbau wesentlicher Anlagenteile. Statt unmittelbar mit Abriss und Schrottverwertung zu beginnen, prüfte der Eigentümer, ob die Raffinerie durch eine Wiederverwendung an einem anderen Standort einen deutlich höheren Wert erzielen könnte.

PRIOS: eine wirtschaftliche Alternative zum Abriss

PRIOS wurde über das strategische Beraterteam des Eigentümers hinzugezogen, um eine Alternative zum konventionellen Abriss der Raffinerie zu prüfen.

Unser Vorschlag war einfach: Die geplante Umnutzung und Sanierung des Standorts sollte weiterlaufen, während PRIOS prüfte, ob die gesamte Raffinerie oder ihre wichtigsten Prozesseinheiten innerhalb eines festgelegten Zeitraums zur Verlagerung verkauft werden könnten. So blieb der Zeitplan des Eigentümers für die Umnutzung gewahrt, und zugleich entstand die Chance, aus den vorhandenen Industrieanlagen erheblichen zusätzlichen Wert zu erzielen.

Anschließend führte PRIOS eine umfassende Projektidentifikations- und Vor-Machbarkeitsstudie durch. Diese umfasste eine technische Bewertung der Raffinerie, die Definition des übertragbaren Umfangs sowie eine Kostenschätzung für die Verlagerung mit einer Genauigkeit von etwa ±30 %.

Die Studie vermittelte qualifizierten Kaufinteressenten ein klares Bild von der technischen Konfiguration der Raffinerie, ihrem Restwert, den Demontageanforderungen, den Verlagerungskosten und dem gesamten Investitionsszenario. Zugleich schuf sie eine strukturierte Grundlage für die internationale Vermarktung und den Verkauf der Raffinerie.

Ein erfolgreicher Raffinerieverkauf und ein strategischer Gewinn

Nach rund zwei Jahren gezielter Marktentwicklung, technischer Klärung und kommerzieller Verhandlungen wurde die Raffinerie erfolgreich an einen Käufer in Übersee verkauft.

Der Erlös aus dem Anlagenverkauf reichte aus, um die geplanten Kosten für die Sanierung des Geländes und den Umbau zum neuen Logistik- und Lager-Drehkreuz zu decken. Was zunächst eine erhebliche Stilllegungsbelastung darstellte, wurde so zu einer ertragbringenden Transaktion.

Die Raffinerie befand sich in ausgezeichnetem technischem Zustand und hatte eine Betriebsverfügbarkeit von über 97 % erreicht. Mit einem Nelson-Komplexitätsindex von rund 9,9 bot sie eine anspruchsvolle Konfiguration, die unterschiedliche Rohölqualitäten verarbeiten und ein breites Spektrum höherwertiger Produkte herstellen konnte.

Damit war die Anlage besonders attraktiv für Märkte, die ihre heimische Raffineriekapazität ausbauen, die Abhängigkeit von Kraftstoffimporten verringern und einen kürzeren Projektzeitplan erreichen wollten, als es mit einer vergleichbaren neu gebauten Raffinerie möglich gewesen wäre.

Prozesseinheiten und Destillationskolonnen einer Ölraffinerie vor Demontage und Verlagerung
Prozesseinheiten und Destillationskolonnen einer Ölraffinerie vor Demontage und Verlagerung

Ein Meisterwerk der Verfahrenstechnik

Herzstück der Raffinerie war eine Anlage zum katalytischen Cracken von Rückständen (RCC), die Ende der 2000er-Jahre in Betrieb genommen wurde und damit im Vergleich zur Gesamtanlage relativ jung war.

Zur Raffinerie gehörten außerdem ein 25-MW-GuD-Kraftwerk, eine Polynaphtha-Anlage und moderne Anlagen zur Benzinbehandlung. Zusammen ermöglichten diese Anlagen die Herstellung von Kraftstoffen in Euro-5-Qualität.

Die Anlage war nach strengen europäischen technischen, umweltrechtlichen und produktbezogenen Qualitätsanforderungen ausgelegt und betrieben worden. Ihr hoher Grad an Prozessintegration und Konversionskapazität ermöglichte die Verarbeitung eines breiten Spektrums an Rohölen bei maximaler Ausbeute höherwertiger Produkte.

Diese Eigenschaften stärkten die internationale Vermarktbarkeit der Raffinerie erheblich und machten eine Verlagerung trotz des komplexen Demontage- und Transportumfangs wirtschaftlich attraktiv.

Fachgerechte Demontage und Verlagerung der Raffinerie

Nach Abschluss des Verkaufs entwickelte PRIOS gemeinsam mit seinem langjährigen Netzwerk spezialisierter Subunternehmer das Konzept für Demontage, Verpackung und Logistik der Raffinerie und setzte es um.

Das Demontageprogramm wurde in rund 20 Monaten abgeschlossen. Die Prozesseinheiten, einschließlich der technisch komplexen RCC-Anlage, wurden systematisch demontiert, dokumentiert, konserviert und für den Überseeversand vorbereitet.

Der Gesamtumfang umfasste rund 27.000 Tonnen Anlagenstahl und Ausrüstung, etwa 1.200 Container, rund 800 Schwer- und Übermaßtransporte und etwa 2.000 Tonnen Kabel.

Die Ausrüstung wurde zum Hafen Antwerpen transportiert und von dort an ihren neuen Bestimmungsort verschifft. Die enge Abstimmung zwischen Eigentümer, Käufer, Engineering-Teams, Demontageunternehmen und Logistikdienstleistern sicherte eine kontrollierte Umsetzung über alle technischen und kommerziellen Schnittstellen hinweg.

Ein klarer Weg von der Stilllegung zur Wiederverwendung

Dieses Verlagerungsprojekt zeigt, wie sich eine industrielle Stilllegung von einer reinen Kostenbelastung in eine wirtschaftlich wertvolle Transaktion verwandeln lässt.

Indem PRIOS den verbleibenden technischen und Marktwert der Raffinerie vor dem Abriss ermittelte, konnte der Eigentümer erheblichen Wert aus den Anlagen realisieren und zugleich die geplante Umnutzung des Standorts fortsetzen.

Gleichzeitig erhielt der Käufer Zugang zu einer technisch fortschrittlichen Raffineriekonfiguration – zu einem Bruchteil der Investition und Lieferzeit, die ein vergleichbares Neubauprojekt erfordert hätte.

PRIOS verband technische Bewertung, kommerzielle Positionierung, internationale Käufersuche und Umsetzungsplanung in einem strukturierten Prozess. Unser Netzwerk aus Ingenieuren, Demontageunternehmen und Logistikspezialisten ermöglichte es, das Projekt von der ersten Projektidentifikation über Verkauf und Demontage bis zur Vorbereitung der Überseelieferung voranzubringen.

Bei PRIOS entwickeln wir maßgeschneiderte Lösungen für komplexe Industrieanlagen – von der frühen Projektidentifikation und Machbarkeitsbewertung bis zu Anlagenverkauf, Demontage, Verlagerung und Auslieferung.

Häufig gestellte Fragen

Kann eine stillgelegte Ölraffinerie zur Verlagerung verkauft werden?

Ja. Eine Raffinerie kann einen erheblichen Wert behalten, wenn Prozesskonfiguration, Zustand, Dokumentation und verbleibende Betriebsdauer eine Wiederverwendung zulassen. Vor Beginn der Demontage ist eine technische und kaufmännische Bewertung erforderlich.

Was ist eine Projektidentifikationsstudie?

Eine Projektidentifikationsstudie bewertet, ob eine Industrieanlage wirtschaftlich verkauft und verlagert werden kann. Sie untersucht in der Regel Anlagenkonfiguration, Zustand, übertragbaren Umfang, potenzielle Märkte, Demontageanforderungen, Logistik, Verlagerungskosten und die wesentlichen Projektrisiken.

Warum eine Raffinerie verkaufen, statt sie abzureißen?

Ein Raffinerieverkauf kann einen deutlich höheren Wert erzielen als die Schrottverwertung. Er kann zudem die Netto-Stilllegungskosten des Eigentümers senken und dem Käufer Zugang zu bewährter Ausrüstung mit kürzerem Umsetzungszeitplan als bei einem Neubau verschaffen.

Wie lange dauern Demontage und Verlagerung einer Raffinerie?

Der Zeitplan hängt von Größe, Komplexität, Dokumentation und Zielort der Raffinerie ab. In diesem Projekt wurden Demontage und Versandvorbereitung in rund 20 Monaten abgeschlossen.